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Home : sport : denken : Sportpsychologe Prof. Dr. Oliver Höner - Der Kopf und sein Dilemma

Sportpsychologe Prof. Dr. Oliver Höner - Der Kopf und sein Dilemma

Der Kopf und sein Dilemma


Das Runde muss ins Eckige - das ist so richtig wie simpel. Was Sepp Herberger anlässlich der WM 1954 gesagt haben soll, gilt auch noch für diese Weltmeisterschaft. Nur macht es das nicht einfacher. Denn dem Ziel ein Tor zu schießen, stehen im Fußball nicht nur elf gegnerische Spieler im Weg, sondern nicht selten der eigene Kopf. Und zwar nicht nur, um den Ball damit ins Tor zu befördern. Jeder Spieler muss ständig unbewusst und in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen. Nicht immer sind es die richtigen. Warum manche Fußballer ein Auge für ihren Mitspieler haben und andere immer wieder den frei vor dem Tor postierten Mannschaftskameraden übersehen, hat der Mainzer Sportpsychologe Prof. Dr. Oliver Höner untersucht.

 

Der Grund dafür sei keineswegs nur Egoismus hat der 33-Jährige in seiner Doktorarbeit herausgefunden, für die er mit dem Wissenschaftspreis des Deutschen Sportbundes ausgezeichnet wurde. "Im Fußball treten oft Entscheidungssituationen auf, die sich mit dem Ausspruch: 'Denken lähmt und Handeln macht gewissenlos' charakterisieren lassen", erklärt Höner. "Auf der einen Seite gibt es Situationen, in denen Spieler sich so auf ihre Absicht konzentrieren, dass sie gewissenlos mögliche Alternativen nicht mehr wahrnehmen. Auf der anderen Seite denken sie wie gelähmt über Handlungsmöglichkeiten nach, so dass sie nicht mehr zur Handlung kommen."

 

In der Psychologie nennt man das ein "Abschirmungs-Unterbrechungs-Dilemma". Damit der Spieler seine Handlungen präzise durchführen kann, schirmt er seine Handlungsabsichten ab. Die Aufnahmebereitschaft für neue Informationen sinkt. Andererseits kann es für den Spieler aber sinnvoll sein, seine Handlungen sofort zu unterbrechen, damit er neue Alternativen in Betracht ziehen kann, wenn sich an der Spielsituation etwas verändert.

 

Denken und Handeln - alles zu seiner Zeit

 

In seiner Studie, die das Bundesinstitut für Sportwissenschaft gefördert hat, versucht Höner sich diesem Dilemma im Fußball zu nähern - mit der so genannten Rubikon-Theorie. Diese Theorie teilt menschliches Handeln in verschiedene Phasen: Denken und Handeln - alles zu seiner Zeit. In der ersten Phase wägt der Spieler ab, welche Möglichkeiten er hat, zum Beispiel ob er alleine auf das Tor stürmt oder einen Mitspieler anspielt. Entscheidet er sich für eine der Alternativen, fasst er eine konkrete Absicht und überschreitet den "Rubikon", die Grenze zur handelnden Phase. Darin schirmt er sich ab. "Er verkleinert sein Aufnahmespektrum gegenüber neuen Informationen", nennt es der Fachmann.

 

 

Das Schaubild zur Rubikon-Theorie zeigt die vier Phasen des
menschlichen Handelns. 

 

Höner hat anhand dieser Theorie mit rund 100 Nachwuchsspielern erforscht, wie lange und intensiv die einzelnen Spielertypen nachdenken. Für den Spielmacher etwa kann es sinnvoll sein, vergleichsweise lange über seine Handlungen und mögliche Alternativen nachzudenken. Der Stürmertyp hingegen, sieht sich in den schnelllebigen Strafraumsituationen häufig gezwungen, den Rubikon viel früher zu überschreiten. Dieses "gewissenlose Handeln" kann ihm Vorteile im Strafraum verschaffen - wer zu lange überlegt, verpasst vielleicht eine Torchance. Stark vereinfacht gesagt: Wer lange überlegt, schießt weniger Tore. "Das heißt aber nicht: 'dumm kickt gut'", wehrt sich der Wissenschaftler gegen diese Fehlinterpretation seiner Ergebnisse und stellt klar: "Entscheidungshandeln im Fußball hat nichts mit Intelligenz zu tun."

 

Nur das tun, was man kann

 

Der Trick bestehe darin, "dass Spieler genau das machen, was sie können". Also entweder den Kopf abschalten und alleine aufs Tor zu gehen, oder alle Möglichkeiten abwägen und den Ball zum Mitspieler passen. Das aber habe er nicht in seiner Studie erforscht, das sei eine "Schlussfolgerung als Fußball-Liebhaber". Näher an den Ergebnissen seiner Studie ist dafür diese Erkenntnis: Spieler sind dann besonders "gut", wenn sie sich lange in der abwägenden Phase aufhalten, ohne sich davon lähmen zu lassen. Wer wäre so ein Spieler? Zidane und Ronaldinho fallen dem 33-Jährigen als Beispiele ein. "Aber damit verrate ich keinen Geheimtipp", fügt er hinzu. Und in der deutschen Nationalmannschaft, wer löst da das Abschirmungs-Unterbrechungs-Dilemma am Besten? "Michael Ballack", sagt Höner und schwärmt. "Er versteht es immer wieder, seine Mitspieler in Szene zu setzen, ist aber auch in Torschuss-Situationen sehr effizient."

 

Verweile doch vor dem Rubikon

 

Den drei genannten Top-Stars kann es also ziemlich egal sein, was der Sportpsychologe in seiner Studie herausgefunden hat. Für all die anderen Spieler, die immer frei vor dem Tor stehen, aber nie angespielt werden, mag das ein Trost sein: Nicht immer sind fehlender Mannschaftsgeist oder persönliche Abneigungen für Alleingänge verantwortlich. Und auch die Fans in den WM-Stadien würden nach dem Studium von Höners Studie vielleicht gnädiger sein. Statt übler Schimpfwörter könnten sie dem Schützen eines erfolglosen Torschusses zurufen: "Verweile doch länger vor dem Rubikon!"

 

FOTOS: privat

H.S.
Orginaltext und Quelle:
Julia Seifert  WM-Portal Dortmund (wmp),