Nationalhymnen und ihre Bedeutung Zwei falsche Wörter waren am 30. Mai 2005 genau zwei zuviel. Als Sarah Connor bei der Eröffnung der Münchener Allianz-Arena die deutsche Nationalhymne in den Sand setzte, ging ein Aufschrei der Empörung durchs Land. "Brüh im Lichte dieses Glückes", hatte sich Sarah "versungen", richtig heißt es: "Blüh im Glanze dieses Glückes." Dass sich die Popsängerin offensichtlich an einem national heiligen Kulturgut vergriffen hatte, zeigte die anschließende öffentliche Diskussion. Gleichzeitig rückte Connors Fauxpas einen selten besprochenen protokollarischen Teil aller Länderspiele in den Mittelpunkt: Nationalhymnen.
Respekt statt Rivalität Überall auf der Welt spielen sich kurz vor Ländervergleichen die gleichen Szenen ab. Zwei, drei Minuten lang sollen internationale Rivalitäten eine untergeordnete Rolle spielen. Es gilt, dem Gegner Respekt zu zollen, aufzustehen und Ruhe zu halten, so lange dessen Nationalhymne erklingt. Gegnerische Fans, die sich an diesen ungeschriebenen Ehrenkodex nicht halten, gelten in der Regel als unhöflich. Nicht umsonst bezeichnen Kommentatoren Pfeifkonzerte während Nationalhymnen als Respektlosigkeit. Nationalspieler wiederum verhalten sich während ihrer Hymne selten einheitlich: Manche singen inbrünstig mit, andere verziehen dagegen keine Miene und kauen lieber Kaugummi. Wieder andere bauen sich demonstrativ Arm in Arm auf, und einige halten stolz die Hand aufs Herz - manchmal sogar schlägt das offensichtlich rechts, wie seinerzeit beim US-Nationalspieler Alexis Lalas, der durch diese kuriose Geste weltberühmt wurde.
Moment der Besinnung Musikwissenschaftler Dr. Jürgen Arndt: : "Nationalhymnen sind ein Moment der Besinnung Nationalhymnen sind ein "Moment der Besinnung" - und zwar auf den nationalen Charakter. "Das feierliche Ritual legt Respekt nahe, der Gegner wird durch die Präsentation gewürdigt!" Mitnichten gehe es darum, mit der Nationalhymne "Rivalitäten zu schüren oder den Konflikt vor dem Spiel musikalisch auf den Punkt zu bringen."
Eine abgeschlossene Sinneinheit Das belege alleine schon der protokollarische Ablauf, sagt der Musikwissenschaftler. So stellen sich die Spieler beider Nationen nebeneinander auf, und nicht etwa einander gegenüberstehend. Zuerst erklinge als Zeichen des Respekts die Hymne der Gastmannschaft, danach hielten alle Beteiligten während der Musik inne. "Dieses Stillstehen, dieses Innehalten weckt keine Rivalitäten." Unmittelbar nach eben jenen "Momenten der Besinnung" zeige sich deutlich, dass die Nationalhymne als eigene, abgeschlossene Sinneinheit zu verstehen sei. Direkt danach rennen die Spieler wild über den Platz, üben Kopfbälle oder klatschen sich ab - ein auffälliger Kontrast. "Dann geht es wieder um das Sportliche", so der 43-Jährige.
Motivationsschub Nationalhymne? Dass Nationalhymnen Spieler möglicherweise dazu motivieren könnten, besser zu kicken, will Prof. Dr. Roland Neumann vom Institut für Psychologie der Universität Dortmund nicht ausschließen. Zwar sei noch nicht lückenlos erforscht, wie Musik genau Stimmungen auslöse, sagt der Emotionsforscher. Auf jeden Fall erzeugten aber Nationalhymnen Emotionen, weil sie für Vertrautheit stünden und Nationalstolz weckten. "Emotionen sind dazu da, künftige Zustände zu antizipieren. Sie führen zu Erregung, und die kann bis zu einem bestimmten Grad förderlich sein!"
Hymnen auch für Zuschauer wichtig Das könne auch stellvertretend bei Sportlern und Zuschauern geschehen, so der 44-Jährige. Schließlich würden Emotionen nicht nur durch die eigene Leistung ausgelöst, sondern auch dadurch, dass man sich mit einer leistungsstarken Gruppe verbunden fühle. "Die Zuschauer gewinnen einen zusätzlichen Bezug zur Mannschaft, zu der sie sich ohnehin zugehörig fühlen und merken: Da spielt ihre Nationalmannschaft!", urteilt auch Jürgen Arndt. Pauschal ließen sich aber die Auswirkungen nicht beurteilen, so Emotionsforscher Neumann. Zu viele individuelle Unterschiede spielten mit hinein. "Alleine bei der Auslösung und Regulation der Emotionen reagiert jeder Mensch anders. Zudem kann sich zu große Erregung auch schädlich auf die Leistung auswirken: zum Beispiel dort, wo strategische Leistungen erbracht werden, weil womöglich die räumliche Simulation beeinträchtigt wird."
Viele Hymnen klingen gleich "Viele Nationalhymnen sind sich sehr ähn- lich," sagt der Alsfelder Musikpädagoge Thomas Walter. In jedem Fall hätte das allerdings mehr mit der geschaffenen Symbolik der jeweiligen Nationalhymne als mit ihrer besonderen musikalischen Diktion zu tun, meinen Forscher übereinstimmend. "Viele Nationalhymnen sind sich sehr ähnlich und lassen sich national im Grunde genommen gar nicht unterscheiden", sagt der Alsfelder Musikpädagoge Thomas Walter. Schließlich basierten weltweit viele Hymnen auf der europäischen Musikkultur.
Hymnenboom mit Entstehen der Nationalstaaten Erst mit der Entwicklung der modernen Nationalstaaten ab dem 19. Jahrhundert hätten sich Staaten "mit eigenen Insignien" wie Flaggen, Wappen und Hymnen positioniert, um entsprechend repräsentiert zu werden. So ließen sich lediglich zwei grundverschiedene Gattungen unterscheiden: getragene Hymnen und Hymnen mit feierlichem Gestus. "Häufig finden sich einfache, schlichte, gut singbare Melodien", so Thomas Walter.
Kein Samba in Brasiliens Klängen "Rein musikalisch haben Nationalhymnen gar keine spezielle Wirkung", betont auch Jürgen Arndt, "vieles entsteht durch die kulturelle Codierung", also dadurch, dass eine Melodie eines Tages als Hymne eines Staates ausgerufen wird. "Da hängt dann mehr die Geschichte als die Musik dran." Dass die Musik der Hymnen selbst eine untergeordnete Rolle im Nationaldenken spiele, lasse sich beispielsweise daran erkennen, dass folkloristische Elemente kaum Berücksichtigung fänden. "Sonst hätten die Brasilianer vermutlich Sambaklänge reingepackt."
Niederlande: Altes Freiheitslied zur Hymne auserkoren Als älteste Nationalhymne der WM-Teilnehmerstaaten gilt die niederländische Hymne. Sie geht auf das Freiheitslied "Wilhelmus van Nassouwe" aus dem Jahr 1568 zurück, ist aber erst seit 1932 offizielle Staatshymne. Den ältesten Text trägt die japanische Hymne "Kimigayo", deren Worte auf eine Gedichtsammlung des 10. oder 12. Jahrhunderts zurückgehen. Interessant: Selbst die erste japanische Hymnenmelodie stammt von einem Europäer: aus der Feder des englischen Militärkapellmeisters John William Fenton.
Junge Nationen, alte Hymnen Auch die Hymnen der noch relativ jungen WM-Teilnehmerstaaten Kroatien, Ukraine sowie Serbien-Montenegro sind deutlich älter, als es ihre Unabhängigkeitsgeschichte vermuten lassen mag. So stammen die kroatische und die serbische Hymne beide aus dem 19. Jahrhundert. Die ukrainische Melodie geht auf ein 1865 vertontes Gedicht zurück und wurde bereits während der ukrainischen Unabhängigkeit zwischen 1917 und 1920 als Staatshymne verwendet.
Costa Rica: Komponist unter Arrest Die wohl außergewöhnlichste Entstehungsgeschichte aller Nationalhymnen hat indes die Erkennungsmelodie des deutschen WM-Vorrundengegners Costa Rica: Sie musste 1852 unter Hochdruck innerhalb von drei Tagen komponiert werden – von einem jungen Künstler, der so lange sogar unter Arrest gestellt wurde! Damals erwartete Costa Rica Besuch von Botschaftern aus den USA und Großbritannien. Erst drei Tage vor dem Diplomatenempfang fiel dem Organisator José Joaquin Mora auf, dass im Programm für den Festakt ein Staatslied Costa Ricas fehlte.
Diese Blöße wollte sich Mora gegenüber den ausländischen Gästen nicht geben: Er befahl dem Direktor des Militärorchesters, Manuel Maria Gutiérrez, binnen drei Tagen eine "würdige Komposition zu schaffen." Um Gutiérrez Druck zu machen, steckte Mora ihn dafür in eine Arrestzelle der Hauptkaserne. Das Vorhaben glückte: Drei Tage später erklang die costaricanische Hymne beim Empfang zum ersten Mal. Sie erinnert an zeitgenössische deutsche Gesangsvereins-Arrangements und wird auch am 9. Juni in München zu hören sein, wenn die Mittelamerikaner im Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2006 gegen Deutschland antreten.
H.S. Orginaltext und Quelle: Norman Stahl WM-Portal Dortmund (wmp) |