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Als ich letztes Jahr einen Fotokurs besucht habe, hat der Dozent erzählt, dass wenn er 3000 € für ein Bild verlangt, der Preis ohne mit der Wimper zu zucken bezahlt wird. Wenn er aber für ein Foto 300 € verlangt, er verwundert gefragt wird, warum so viel. Ja, warum? ...
Vielleicht weil der Fotograf mehrere Tage für dieses Foto gearbeitet und zehn Filme verknipst hat? Vielleicht aber auch einfach aus dem schlichten Grund, weil das Foto Kunst ist. Fotografieren. Film rein, Klappe zu, durch den Sucher schauen, abdrücken, fertig. Fotografieren heißt „mit Licht schreiben“. Schon früh haben die Menschen Abbilder ihrer Umwelt gemacht: mit Malen, Zeichnen, Gravieren und Schnitzen. Wer heute ein genaues Abbild möchte, fotografiert. Doch oft begegnet mir die Frage: Ist Fotografie Kunst? Die Lexikondefinition von Kunst lautet folgendermaßen: Der Begriff Kunst kommt von „können“ und bedeutete ursprünglich „Fertigkeit“, „Handwerk“. Sie ist die Bezeichnung für die Gesamtheit des von Menschen hervorgebrachten, das nicht durch eine Funktion eindeutig festgelegt oder darin erschöpft ist, zu dessen Voraussetzungen hohes und spezifisches Können gehört und das sich durch seine gesellschaftliche Geltung auszeichnet als Ausdruck von Besonderheit. Im heutigen Verständnis ist diese Gesamtheit in die Teilbereiche Literatur, Musik, die bildenden Künste wie Architektur, Malerei und Bildhauerei, sowie die darstellenden Künste Theater, Tanz und Film gegliedert. Oft wird der Begriff Kunst in eingeschränkter Bedeutung gebraucht und mit dem der bildenden Kunst gleichgesetzt. Also fällt Fotografie ebenfalls darunter. Viele behaupten das Gegenteil. Diese Menschen betrachten demnach Tanz und Theater auch nicht als Kunst. Für sie ist die Kunst die bildende Kunst: Malerei, Architektur und Bildhauerei. Aber wieso? Wieso kann Fotografie nicht ebenfalls Kunst sein? Die Kunst ein Motiv so abzulichten, dass sich der Betrachter das Foto länger als fünf Sekunden anschaut. Zum Fotografieren gehört nicht nur „Film rein, Klappe zu, durch den Sucher schauen, abdrücken, fertig.“ Es gehört viel mehr dazu. Mehr als sich jemand, der nicht fotografiert, wahrscheinlich vorstellen kann. Bildkomposition (die bei Malerei ebenfalls beachtet werden muss): Motiv in die Mitte? Rechts? Links? Abgeschnitten? Belichtungszeit: helles oder dunkles Motiv? Verschwommene oder scharfe Konturen? Beleuchtung: Wie setze ich Licht und Schatten um die gewollte Stimmung zu überbringen? Blendenöffnung: Will ich nur den Vorder- bzw. Hintergrund scharf haben oder das gesamte Motiv? Tricklinsen, Filter, Obejektivwahl, Blitzlicht, Makrolinsen, Effekte beim Entwickeln des Filmes. Das sind nur einige der gestalterischen Möglichkeiten beim Fotografieren. In der Malerei zum Beispiel, hat man einfach nur andere Mittel: Borsten- oder Haarpinsel? Leinwand oder Skizzenblock? Aquarell- oder Wasserfarben? Die Malerei wurde anfangs sogar von der Fotografie verdrängt. Bildgattungen entstanden nach 1840 immer häufiger auf fotografischem Weg. So zum Beispiel die Portraitminiatur und die Stadt und Landschaftsansicht. Zum eigenständigen, künstlerischen Verfahren wurde im 20. Jahrhundert vor allem die Farbfotografie. Im Dadaismus und im Surrealismus waren Fotografien Bestandteile von Collagen und im Fotorealismus dienten Fotos als Gemäldevorlagen. Somit spielte die Fotografie in der modernen Kunst eine große Rolle. In den letzten Jahren hat sich die digitale Fotografie sehr in den Vordergrund geschoben. Digitalkameras und digitale Bildbearbeitung am Computer gehören schon zum Alltag. Aber ist das auch Kunst? Mit einer Digitalkamera zu fotografieren ist im Prinzip nicht anders als mit einer analogen Kamera. Bei einer Digitalkamera hat man jedoch hunderte von Versuchen, um ein gutes Bild zu erzielen, ohne einen Film verschwendet zu haben. Gibt man sich dann noch Mühe, ein gutes Bild auf Anhieb zu erzielen? Gibt man sich dann noch Mühe, wenn man weiß, dass man das Bild hinterher aufhellen, die Kontraste oder Farben verstärken kann? Ist es dann noch Kunst, zu fotografieren, wenn man hinterher eh fast alles ausbessern kann? Letztens habe ich gelesen, dass ein Foto erst dann zur Kunst wird, wenn es am PC digital bearbeitet wurde. Mag sein, dass das ebenfalls Kunst ist, die Kunst ein Foto so zu verändern, dass es immer noch nach etwas aussieht. Aber ein Foto ist das, meiner Meinung nach, dann nicht mehr. Aber ob Malerei, Architektur, Tanz, Theater oder Fotografieren: eines haben alle Kunstrichtungen gemeinsam: Man muss mit den vorhandenen Möglichkeiten und Mitteln ein Ergebnis gestalten, das den Betrachter in seinen Bann zieht. Und das ist meiner Meinung nach die Kunst daran.
Luisa Kessel |